Elli’s Garten – Wiesbaden, Westend

Zum Projekt

Elli’s Garten verwandelt ein Kirchenareal im Wiesbadener Westend in ein Umweltzentrum mit Jugendpastoralkirche, Nachbarschaftskneipe, Wohnungen und Gärten – ein offener Ort für Stadt, Natur und Gemeinschaft.
Entwurf von Nicoletta Leindl und Lukas R. Hüfner (Master „Bauen mit Bestand“, Hochschule RheinMain, ausgezeichnet mit dem Böttiger-Preis 2025, 1. Platz).

Die Jury zeigte sich besonders überzeugt von dem sensiblen und selbstbewussten Umgang mit dem historischen Bestand. Die ergänzenden Baukörper fügen sich maßstäblich und materialgerecht ein, die funktionalen Abläufe sind klar strukturiert. Insgesamt zeuge die Arbeit von einem reifen architektonischen Verständnis, das den Bestand respektiert, ihn aber zugleich mit zeitgemäßen Mitteln fortschreibt. Sie formuliere eine überzeugende Antwort auf die Frage, wie Weiterbauen im Kontext des Bestehenden heute aussehen kann – sensibel, klar und mit großer räumlicher Qualität.
Die Preisträger:innen beschreiben ihren Entwurf als einen Ansatz, der das Westend nicht durch große Gesten, sondern durch viele kleine Räume stärke – ein Projekt, das dem Geist der heiligen Elisabeth folgend Räume zurückgebe und Potenziale sichtbar mache.
Jury des Böttiger Preises zum 1. Preis
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ellis garten zugang kneipe
Blick nach Südosten durch Ellis Garten. Links Ellis Kneipe, mittig der Garten und dahinter die Kirche, rechts der Klosterflügel.

„Elli’s Garten“ – Umwelt, Gemeinde und Gemeinschaft – mitten in Wiesbaden

Was passiert, wenn man ein in die Jahre gekommenes Kirchenareal nicht verkauft oder dichtmacht, sondern als offenen Ort für Stadt, Natur und Gemeinschaft neu denkt?

Beim Entwurf für das Umweltzentrum „Elli’s Garten“ wird das bestehende Ensemble im Wiesbadener Westend nicht abgerissen, sondern weitergebaut: Die Kirche bleibt als ruhiger, konzentrierter Raum erhalten, die portugiesische Gemeinde behält ihre Heimat, eine Notunterkunft für Alleinerziehende findet geschützten Platz im Bestand. Ergänzt werden diese Anker durch neue Nutzungen, die das Gelände für viele Menschen im Alltag öffnen.

Herzstück ist ein Umweltzentrum, in dem Schulklassen, Kitas und Jugendgruppen Natur- und Klimathemen direkt vor Ort erleben können – mit Schulgarten, Werkstätten und einfachen, robusten Räumen für Praxisunterricht und AGs. Dazu kommt „Elli’s Kneipe“ als nachbarschaftlicher Treffpunkt: ein kleiner Gastraum, der abends Licht ins Quartier bringt und tagsüber als Wohnzimmer des Viertels funktioniert. Dazwischen liegen Gärten, Höfe und Durchgänge, die den vormals geschlossenen Block in einen durchlässigen, grünen Stadtraum verwandeln.

Architektonisch arbeitet der Entwurf mit wenigen, klaren Eingriffen: Bestehende Strukturen werden freigelegt, ergänzt und weitergeführt, neue Bauteile bleiben ablesbar, fügen sich aber in Maßstab und Proportion selbstverständlich ein. So entsteht kein „Eventbau“, sondern ein ruhiger Hintergrund für das, was hier passieren soll: Begegnung, Bildung und ein respektvoller Umgang mit dem Ort.

Die Arbeit entstand im Rahmen des Masters „Bauen mit Bestand“ an der Hochschule RheinMain und wurde mit dem Böttiger-Preis (1. Platz) ausgezeichnet. Für Old Heron ist „Elli’s Garten“ ein Schlüsselprojekt: Es zeigt, wie sich funktionale Anforderungen, soziale Aufgaben und eine liebevolle Weiterentwicklung des Bestands zu einem stimmigen Ganzen verbinden lassen.

ellis garten südansicht
Blick in den Garten aus Süden. Links der Klosterflügel, mittig Ellis Kneipe, rechts das Umweltzentrum.

Ein Umweltzentrum für die Landeshauptstadt

Die Gebäude des Umweltzentrums öffnen sich mit Werkstätten, Seminarräumen und Gewächshäusern direkt zum Garten und zum Stadtraum. Innenräume und Außenflächen werden so zu einer Einheit: Drinnen wird vorbereitet, reflektiert und dokumentiert, draußen wird gegraben, gebaut, beobachtet. Das Umweltzentrum wird damit zur Schaltstelle zwischen Stadt, Park und Bildung – ein Ort, an dem ökologische Themen ganz selbstverständlich Teil des Alltags werden.

Das Umweltzentrum versteht den angrenzenden Landschaftspark Wellritztal nicht nur als „Grünfläche nebenan“, sondern als erweiterten Garten des Projekts. Die bestehenden Wiesen und Wege werden durch Anbau-, Erprobungs- und Gemeinschaftsgartenflächen ergänzt, die sich bis in den Park hinein verweben.

Schulklassen, Kitas und Jugendgruppen können hier:

  • Beete bewirtschaften, Saat und Ernte über das Jahr verfolgen und so Kreisläufe von Boden, Wasser und Klima im eigenen Tun erleben.
  • In kleinen Versuchsflächen mit verschiedenen Pflanzungen, Bodenaufbauten und Bewässerungsformen experimentieren – begleitet von einfachen, robusten Lernstationen.
  • Gemeinsame Gartenzeiten mit Anwohner:innen erleben: Pflanzaktionen, Gartenfeste und Pflegeeinsätze machen das Umweltzentrum zu einem Treffpunkt des Quartiers, nicht zu einer „Schulinsel“.
werkstatthof
Das Umweltzentrum rückt von der Grundstücksgrenze zurück. Somit entsteht ein der Werkstatt vorgelagerter Hof. Hier entsteht ein Arbeits- und Begenungsraum.

Kirche als Jugendpastoralkirche – offener Raum für Stadt, Schule und Gemeinde

Die bestehende Kirche bleibt im Ensemble bewusst erhalten und wird als Jugendpastoralkirche neu belebt. Das Kirchenschiff ist nicht mehr nur für den klassischen Sonntagsgottesdienst reserviert, sondern als vielseitiger, atmosphärischer Raum gedacht:

  • Kunstausstellungen von Schulen, Hochschulen oder lokalen Initiativen,
  • Basare und kleine Märkte des Viertels,
  • Konzerte und Kulturabende, die die besondere Akustik und Raumwirkung nutzen,
  • Veranstaltungen der umliegenden Schulen – von Projektpräsentationen bis zu Abschlussfeiern,
  • und natürlich weiterhin große Festtagsgottesdienste der Gemeinde.

Ein neu eingefügter Gang mit Eingängen sowohl von der Straße als auch vom Garten erschließt die Kirche flexibel und macht die sakralen Räume unabhängig voneinander nutzbar. Entlang dieses Gangs liegen:

  • ein neues Kolumbarium, das den Umgang mit Trauer und Erinnerung im Alltag des Quartiers verankert,
  • die bestehende Werktagskapelle, die als ruhiger, kleiner Gebets- und Andachtsraum erhalten bleibt,
  • die Sakristei als funktionales Rückgrat der liturgischen Nutzung,
  • sowie neue Räume für die Jugendpastoral, in denen Gruppenstunden, Gespräche und niedrigschwellige Angebote für Jugendliche stattfinden.

Durch diese klare innere Adresse können alle Bereiche – vom stillen Gebet über Jugendangebote bis zur großen Veranstaltung im Kirchenschiff – parallel und ohne Konflikte funktionieren. Die Kirche wird so zu einer offenen Ressource für die Stadt, die ihre sakrale Identität behält und gleichzeitig neue, alltägliche Formen von Gemeinschaft und Spiritualität ermöglicht.

ellis offene tür jugendpastoralkirche
Der bestehende Eingang wurde überformt, um den Störfaktor im Ensemble zu heilen und der neuen Beudeutung als Eingang des Jugendpastorals gerecht zu werden.
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Blick in das neue Kolumbarium, links mit direktem Zugang zu einem Ort der Stille im Garten.

Elli’s Kneipe – Tauschraum, Verschenkregale und Treffpunkt im Viertel

„Elli’s Kneipe“ ist mehr als ein Gastroraum: Sie ist das Wohnzimmer des Quartiers. Tagsüber funktioniert sie als offener Treffpunkt mit Kaffee, einfachem Mittagstisch und ruhigen Tischen zum Lesen oder Arbeiten. Auf der Galerie entsteht ein halböffentlicher Bereich, der bewusst als Quartierstreff gedacht ist: hier können Initiativen aus dem Viertel sich treffen, nachbarschaftliche Runden stattfinden oder kleine Beratungsangebote andocken.

In den Räumen verankert sind:

  • ein Kleidertausch-Bereich, in dem gut erhaltene Kleidung im Umlauf bleibt statt im Müll zu landen,
  • Büchertausch-Regale, die das lokale „Wohnzimmer“ mit einer kleinen, sich ständig verändernden Bibliothek verbinden,
  • Verschenkregale für Alltagsgegenstände, die zu schade zum Wegwerfen sind.

So wird Elli’s Kneipe zu einem Ort, an dem informelle Hilfe, nachhaltiger Alltag und Geselligkeit zusammenkommen – ohne Barrieren und Konsumzwang. Abends kann der Raum als klassische Kneipe, für kleine Konzerte oder Lesungen genutzt werden und bringt Licht, Geräusch und Leben in das Ensemble.

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Lageplan des Ensembles

Wohnen im Garten – Schutzraum für Alleinerziehende

An der ruhigen Seite des Areals liegen Wohnungen für Alleinerziehende in Notlagen. Sie sind als Schutzraum gedacht, der nicht isoliert, sondern behutsam eingebettet ist: Jede Wohnung besitzt einen kleinen, eigenen Gartenbereich oder eine geschützte Terrasse, von der aus der größere Gemeinschaftsgarten sichtbar ist, ohne aufdringlich zu wirken.

Die Grundrisse sind so organisiert, dass:

  • der Alltag mit Kindern gut zu bewältigen ist – kurze Wege, klare Blickbeziehungen,
  • sich sowohl Rückzug als auch Kontakt zum gemeinschaftlichen Leben ergeben,
  • Unterstützung niedrigschwellig möglich wird: Man sieht, dass „da noch andere sind“, ohne ständig funktionieren zu müssen.

In Verbindung mit den Angeboten des Umweltzentrums, der Jugendpastoral und Elli’s Kneipe entsteht ein Netz von Anknüpfungspunkten, das Alleinerziehenden erlaubt, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen – räumlich wie sozial.

Portugiesische Gemeinde & Cluster-Wohnen für Auszubildende

Die Räume der portugiesischen Gemeinde bleiben als wichtiger sozialer und kultureller Anker im Ensemble erhalten, werden aber räumlich und atmosphärisch aufgewertet. Durch größere Öffnungen zum Garten und eine bessere Belichtung entstehen helle, freundliche Gemeinderäume, die sowohl für Gottesdienste und Feste der Gemeinde als auch für gemeinsame Veranstaltungen mit anderen Nutzergruppen genutzt werden können. Der Blick ins Grün macht deutlich: Die Gemeinde ist nicht „im Hinterhof verstaut“, sondern Teil des lebendigen Ganzen.

Über diesen Gemeinderäumen entsteht ein Bereich für Cluster-Wohnen von Auszubildenden, die ihre Lehre oder Ausbildung in Wiesbaden absolvieren. Statt anonymer Einzelapartments gibt es kleine, private Zimmer, die sich um:

  • gemeinschaftliche Küchen und Wohnbereiche,
  • geteilte Arbeits- und Lernzonen,
  • und den Blick in den Garten und auf den Hof

organisieren. So entsteht ein Wohnumfeld, in dem sich junge Menschen schnell zuhause fühlen können – mit kurzen Wegen in die Stadt, einer gewachsenen Nachbarschaft und den Angeboten des Umweltzentrums und der Kirche in unmittelbarer Nähe.

Die Überlagerung von Gemeinderäumen und Cluster-Wohnen knüpft an die Tradition kirchlicher und gemeinwohlorientierter Gebäude an: gebündelte Funktionen, geteilte Räume, unterschiedliche Lebenslagen unter einem Dach – räumlich durchdacht und offen für die Stadt.

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Vision der heiligen Elisabeth mit ihrem Garten – von der befreundeten Künstlerin Ann Brown Art

St. Elisabeth als Leitfigur – Architektur als geöffneter Mantel

Inhaltlich knüpft das Projekt bewusst an St. Elisabeth an, die ihren Reichtum für die Armen eingesetzt hat. Das Rosenwunder – das heimlich verteilte Brot, das sich im geöffneten Mantel in Rosen verwandelt – wird hier sinnbildlich weitergeschrieben: Gebäude, Gärten und Angebote sind die „Rosen“, die aus einem vorhandenen kirchlichen Besitz erwachsen und den Menschen im Stadtteil zugutekommen.

Eine befreundete Künstlerin hat dazu eine Illustration geschaffen, in der die heilige Elisabeth die Arme weit öffnet und in dieser Geste das gesamte Ensemble trägt: Kirche, Umweltzentrum, Wohnungen, Elli’s Kneipe, Gemeinschaftsgärten. Diese Darstellung bringt auf den Punkt, was architektonisch intendiert ist: Die Anlage ist kein abgeschlossener Komplex, sondern ein geöffneter Mantel – ein Ort, der Schutz bietet, Ressourcen teilt und Menschen mit sehr unterschiedlichen Lebenslagen aufnimmt. St. Elisabeth ist damit nicht nur Namenspatronin, sondern inhaltliche Leitfigur für eine Architektur, die ihren Wert darin findet, dass sie sich hingibt.

Arbeitsweise von Old Heron

Elli’s Garten ist ein Beispiel dafür, wie Old Heron mit Bestand, Gemeinde und Alltag arbeitet.
Wenn Sie ein ähnliches Projekt planen oder ein bestehendes Ensemble neu denken möchten, freue ich mich über eine Nachricht.

Projektsteckbrief

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